Was ein Haus Wert ist
Entscheidet sich längst vor seinem Bau
Was ist der Wert eines Hauses? Nein, uns interessiert hier nicht, der amtliche Wert und schon gar nicht der Wiederverkaufswert. Wir stellen die Frage nach dem Wert, den ein Haus für die Menschen haben kann, die darin wohnen. Wir fragen, genau genommen, nach seiner Wertigkeit, seiner Valenz.
Wir fragen also – nochmals eine Spur genauer – nach dem Wert, den wir entdecken, wenn wir das Haus weder als bloßes Konsumgut noch reines, Investitionsobjekt betrachten.
Was bleibt, ist der Wert der Wechselwirkung zwischen dem Haus und den Menschen, die darin leben, und der Wechselwirkung zwischen dem Haus und der Umgebung, in der es steht.
Was strahlt es nach außen aus?
Was spiegelt es nach innen wieder?
Was bewerten wir, wenn wir in ein fremdes Haus treten?
Wir fragen uns etwa: Würden wir hier je leben wollen?
Wäre dieser Ort, dieses Haus es wert, sein Leben hier einzurichten?
Intuitiv wissen die meisten: Der reine Warenwert und Marktwert haben in einer solchen Betrachtung gar keinen Platz. Wert hat Wohnraum, wenn er das Klima für persönliches Wohlbefinden schafft (ein höherer Wiederverkaufswert schafft kein unmittelbares, physisch wahrnehmbares, besseres Wohlbefinden).
Jedes Haus prägt also über die Wechselwirkung zwischen mir und dem Haus und zwischen mir und der Umgebung, in der das Haus steht, meine Befindlichkeit.
Diese Befindlichkeit wiederum prägt die eigenen Wertvorstellungen. Und unsere Wertvorstellungen wiederum prägen das, was wir beispielsweise unseren Kindern, gewollt oder ungewollt, weitergeben.
Der Wert – die Wertigkeit – eines Hauses ist wohl dann hoch, wenn es Geborgenheit bietet, ohne einzuschließen, wenn es behaglich ist und doch Auseinandersetzungen zulässt, ja fordert. Kinder sind diesbezüglich gute Gradmesser.
Mit ihrer Definition von Zuhause, die vom Immobilienmarkt noch ganz unberührt ist, und mit ihrer Aggressionsmustern zeigen sie unmittelbar und ungefiltert, wie wertvoll oder wertlos das Haus ist., das ihnen da gerade „zugemutet“ wird.
Sie reagieren sensibel darauf, wenn der Wert ihres Zuhauses bloß eine Gaukelei, eine oberflächige, brüchige Farce ist. Und sie reagieren sensibel, wenn das Haus samt Menschen darin ganz ohne Zweifel für Geborgenheit und Grundvertrauen steht: Beides prägt ihren Weg ins Leben mit, mal destruktiv, mal konstruktiv.
Ein Haus bauen ist für die meisten Menschen das größte materielle Projekt ihres Lebens. Weil Wohnen unseren Alltag sehr stark prägt, ist es gleichzeitig einer der größten Eingriffe in die Lebensrealität dieser Menschen.
Die Frage nach der Bedeutung des Schrittes stellt sich unweigerlich: Ein solcher Schritt, den größten Teil seiner materiellen Werte einzusetzen, ist nur dann überhaupt auszuhalten, wenn das neu Entstehende einen wahrhaftigen, menschlichen
Wert hat, wenn der Schritt dazu taugt, die eigene Werthaltung nicht zu verschütten, sondern zu zeigen.
Ein wichtiger Wert eines Hauses liegt somit in seiner Wahrhaftigkeit, seiner Wahrheit.
Wahrheit führt über materielle Werte: Häusliche Wärme, die von einer rußenden Ölheizung ausgeht, ist temperaturmäßig zwar messbar, lässt aber dennoch etwas frösteln, es sei denn, man blende sämtliche Fragen der Zeit aus.
Dieser Wärme fehlt die Wahrheit. In umfassenderem Sinn: Häuser, die lügen, Häuser, die Größe vorgaukeln und Kleinmut erzeugen, sind bereits zu zahlreich. Sie sind auf ihre Weise wertlos.
Bauen ist konstruktiv und destruktiv zugleich. Bauen zerstört Bisheriges. Aber Bauen ist auch bejahend. Der Entschluss zu bauen ist – im guten Sinne – ein Ja zur Zukunft, zum Lebenspartner und zur gewählten Familienstruktur.
Bauen gibt – falls mit Werten jenseits des amtlichen Werts oder des Wiederverkaufspreis verknüpft – Hoffnungen und Emotionen ein Gewicht, wie es in der sehr materialistischen modernen Welt sonst nur selten geschieht.
Bauen gibt ihnen Gewicht; weil Wohnen in unseren Breitengraden ein zentrales Urbedürfnis abdeckt. Zudem wird der Schritt hin zum eigenen Haus – auch wenn es nicht zwingend so sein muss – als Schritt hin zum Definitiven empfunden.
Bauen ist eine große Chance. Bauen bedeutet aber auch eine große Verantwortung – seinen Mitmenschen, der Umwelt und auch sich selbst gegenüber. Bauenderweise lässt sich nämlich leicht jede Lebenslüge zementieren und jede Partnerschaft zerstören.
Bauenderweise lässt sich beklemmend klar zeigen, wie gerne man, zwar über den sorgsamen Umgang mit der Umwelt redet und wie ungemein sorglos dieser Umgang wird, sobald die Möglichkeit zu bauen lockt.
Im besten Fall lässt sich übers Bauen aber die bessere Zukunft mitbauen. Gerade weil Bauen immer ein großer Eingriff ist, können bauenderweise wichtige Weichen gestellt werden – hin zu einer ganzheitlichen Verantwortung gegenüber Mitmenschen, Umwelt, zukünftigen Generationen.
Ein Teil dieser Verantwortung ist recht einfach umsetzbar. Wählen wir hochwertige, ökologische Materialien und verbauen wir sie so, das sie lange ihren Zweck erfüllen, so ist das grundsätzlich gut.
Wählen wir aber Materialien, die künftig zu Sondermüll werden, deren Herstellung viel graue Energie verschlingt und die Eigenschaften haben, die dem heutigen Verständnis von Wohlbefinden und gesundem Wohnen widersprechen, so ist das nicht bloß grundsätzlich ungut, sondern nüchtern betrachtet ein aggressiver Akt gegenüber der Umwelt, den nachfolgenden Generationen und gegenüber sich selbst.
Häuser sind keine Lebewesen, keine Haustiere, die sich hätscheln lassen und uns dafür mit Zuneigung begegnen. Aber Häuser spiegeln das Leben. Gute Häuser wirken auf uns dann einladend, freundlich und beseelt, wenn sie das Herz der Menschen widerspiegeln, die darin wohnen.
Die Wertigkeit eines Hauses ergibt sich also über einen Wert für seine Bewohnerinnen und Bewohner, über seinen Sinn, seine Seele – oder wem dies allzu religiös-philosophisch klingt: über seinen Wesenskern, sein Herz.
Apropos: Sinn und Sinnlichkeit liegen nahe beieinander. Ein Haus kann auch die Brücke zu mehr Sinnlichkeit sein. Es kann – wenn man dies will – ein Leben in sinnlichen, ehrlichen, natürlichen Materialien ermöglichen.
Und es kann uns an den Punkt führen, wo wir uns wieder stärker Teil der Natur und ihrer Zusammenhänge sehen. Solche Sinngebungen passiert nicht von selber und wird von keinem Baugesetz verordnet. Sie ist das Ergebnis dessen, was Menschen aus den gegebenen Möglichkeiten machen.
Zugegeben: In einem Land der Mieterinnen und Mieter über die Möglichkeit zu ferieren, wie erbaulich Bauen sein kann, mag etwas elitär wirken. Die wenigsten können sich hierzulande ein Haus leisten. Nur wenige können sich den Lebensraum so schaffen, dass er ihren Vorstellungen entspricht. Die meisten Familien leben mehr oder weniger normiert in vorgegebenen Mietwohnungen und Mustern.
Etlichen ist dabei wohl. Vielen aber auch nicht. Viele haben keine Möglichkeit, ihre Wohnform grundlegend zu verändern. Der Mietmarkt ist auch ein Markt der Konsumzwänge. Er zwingt viele zu einem Wohnstandard über den tatsächlichen Bedürfnissen und zu einem ökologischen Standard jenseits jeder Kritik. Die Möglichkeit zu haben, überhaupt bauenderweise ein Zuhause nach eigenen Wertmaßstäben zu zimmern, ist hierzulande das Privileg weniger.
Aber weil es ein Privileg ist, erfordert der Schritt erst recht großes Verantwortungsbewusstsein und, wer weiß, vielleicht sogar ein Quäntchen einer ziemlich antiquierten Tugend: der Demut.
Niemand kann im Alleingang ein Haus mit Wert, ein Haus mit Herz, mit Seele bauen. Die gute Absicht und die Ehrlichkeit der Bauwilligen ist die Voraussetzung . Aber sie alleine genügt nicht.
Damit die wertvolle, beseelte Häuser entstehen, braucht es ein fachkundiges Gegenüber, das diese Ehrlichkeit ebenfalls lebt – nicht nur im Privaten, sondern in gleichem Maße auch im Unternehmen. Die Ehrlichkeit als Grundvoraussetzung jedes wertvollen Verhältnisses lässt sich nicht delegieren.
Das heißt, dass sich letztlich jeder Mitarbeiter auf der Baustelle bewusst sein muss, was die Wände die er zimmert, den Menschen bedeuten, die hier einziehen wollen. Es ist eben nicht scheißegal, ob auf der Baustelle hin und wieder gottsjämmerlich geflucht wird. Aggressionen auf der Baustelle, Aggressionen vor dem Zeichenbrett beschädigen den Einklang, beschädigen die Seele des Ortes, den sich Menschen für ihren Lebensmittelpunkt gewählt haben.
Mit verklärtem Gutmenschentum hat dies nichts zu tun, sondern bloß mit der simplen Erkenntnis, dass Menschen für andere Menschen nur dann Wertvolles schaffen können, wenn die gegenseitige Achtung – ohne Ehrlichkeit existiert diese gar nicht – gegeben ist.
Konsequent zu Ende gedacht, heißt das: Wer von Mitarbeitenden derartige Qualitäten erwartet, muss Arbeitsbedingungen schaffen, die es überhaupt ermöglichen, diese Qualitäten einzubringen. Und die nächste Konsequenz liegt auf der Hand: Wer denen, die Häuser bauen, gute, ehrliche vertrauenswürdige Arbeitsbedingungen schafft, weil fluchende Handwerker die Seele des Hauses beschädigen könnten, kann schlecht Baumaterialien bestellen, bei deren genauer Betrachtung jedem Fachkundigen die Nackenhaare zu Berge stehen.
Es ist so eine Sache mit Ehrlichkeit, Offenheit und dem Wert beseelter Häuser: Es gibt sie nur ganz – oder gar nicht.